Südafrikas Weinwelt im Wandel

Die friedliche Beendigung der Apartheid, bedingt durch die selbst erklärte autoritäre weiße Vorherrschaft, erscheint noch immer vielen wie ein Wunder. Für Südafrikas Weinwirtschaft war der demokratische Regierungswechsel der Auftakt einer neuen Ära. Die Weinerzeuger haben seitdem vieles erreicht. Ihre exportieren Weinmengen sind von knapp 24,5 Millionen Liter (1993) auf rund 526 Millionen Liter im Jahr 2013 nahezu explodiert. Doch wer glaubt, Südafrika habe dies aufgrund einer unkontrollierten Erweiterung der Rebfläche geschafft, der irrt. Die Ertragsrebfläche ist mit nahezu 100.000 Hektar in den letzten 20 Jahren gleich geblieben. Gewandelt hat sich jedoch der Rebsortenspiegel. Rebsorten wie Sultana, Colombar und Hanepoot, gebraucht für die Herstellung von Brandy, wurden sukzessive reduziert. Stattdessen wurden in den optimal geeigneten Weinbergslagen international gefragte Sorten wie Chardonnay, Sauvignon Blanc und Cabernet Sauvignon oder Shiraz angebaut.

Die Aufhebung der Sanktionen erlaubte den Forschern, Winzern und Kellermeistern zu reisen und in den Dialog mit Kollegen in aller Welt zu treten. Der Qualitätsaufschwung schritt rasant voran. Bis heute sind erprobte Kenner und Weinkritiker erstaunt, mit welcher Dynamik Südafrikas Winzer neue Trends setzen, wie sie die klimatischen und geologischen Besonderheiten in der westlichen Kapregion für den Qualitätsweinbau zu nutzen wissen und wie die Stilistik der Weine immer einzigartiger wird. Die Struktur der südafrikanischen Weinbranche hat sich enorm verändert. Waren es 1994 rund 180 weinerzeugende Betriebe, sind es heute rund 600 private Weingüter und -kellereien. Vor 20 Jahren lag das Exportgeschäft hauptsächlich in der Zuständigkeit der KWV, der größten Genossenschaft des Landes. Heute exportieren nahezu alle weinerzeugenden Betriebe ihre marktadäquaten Sortimente – vom einfachen Discounterwein bis zu hochwertigen Spitzenweinen. Inzwischen werden die Kapweine in rund 140 Länder exportiert und erfreuen sich dabei wachsender Beliebtheit. Nach Angaben des südafrikanischen Informationsdienstes (SAWIS) erzielten die Südafrikaner in 2013 im Vergleich zum Vorjahr ein mengenmäßiges Plus von 26 Prozent.

Doch nicht nur in puncto Exportmengen und verbesserter Weinqualität hat sich Südafrikas Weinsektor gewandelt. Der gesellschaftspolitisch geforderte Gleichstellungsprozess, die Förderung von sogenanntem Black-Economic-Empowerment und die Verbesserung der sozialen Nachhaltigkeit sind auch im Weinbereich spürbar. Derzeit sind im Weinsektor rund 160.000 Menschen aus ehemals benachteiligten Bevölkerungsschichten beschäftigt. Inklusive Weintourismus sind, laut Berufsverband Wines of South Africa, rund 275.600 Beschäftigte in der Weinbranche tätig. Ein wichtiger Teil des Transformationsprozesses, um das Gleichgewicht in der Branche wieder herzustellen, so die WOSA, sind die Etablierung und die Förderung von Ausbildung durch Stiftungen, die Unterstützung von sozialen Initiativen und das Ermöglichen von wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmungen. Zahlreiche Weinfarmer sind deshalb Joint Ventures mit ihren Arbeitern eingegangen und übertragen Besitz an die Community. Gleichzeitig werden die Arbeiterfamilien darin ausgebildet, eigenständig eine Farm zu leiten oder eigenen Wein zu produzieren.

Ein leuchtendes Beispiel ist das Projekt Freedom Road des Weinguts Backsberg. Durch die Pflege von 14 Hektar Weinbergen und die Vermarktung eines eigenen Weines gelang es den Farmarbeitern, ihre Häuser zu erwerben. Das Weingut Backsberg förderte das Projekt durch eine Zwischenfinanzierung und Ausbildung der Arbeiter in der weinbaulichen und kellerwirtschaftlichen Praxis. Dieser Wein erinnert an die Biografie „Long Walk to Freedom“ von Nelson Mandela, der in der Sprache der Xhosa Madiba ehrenvoll Väterchen genannt wird. Seine Vision einer demokratischen Zukunft für alle öffnete vielen Menschen in der Kapregion die Tür zu einer besseren Zukunft. Für die Arbeiter von Backsberg war es in diesem Fall die eigene Haustür. Auch wenn in Südafrika bei Weitem nicht alles perfekt ist, noch viele Türen verschlossen scheinen und zahlreiche Schritte zu gehen sind – Südafrika feiert 20 Jahre Demokratie. Und wir gratulieren!

Südafrika „Enjoy the journey“ – Geschichten, die das Leben schrieb:

 

 

Bildquelle: Backsberg

 

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