Südafrikas Weinwirtschaft ist erwachsen geworden

Zwar ist es in Mode gekommen, einen Rückblick als exakte Wissenschaft zu beschreiben, ein Blick zurück ist jedoch nicht ganz ohne Gefahren. Wie zahllose Gerichtsverhandlungen im Kreuzverhör von Zeugen, die einem Unfall erlebt hatten, belegen, sieht nicht jeder dieselben Ereignisse auf die gleiche Weise. Auch die Erinnerung ist unvollkommen: Menschen interpretieren die Vergangenheit mit den Augen der Gegenwart – und umgekehrt. Was aussieht wie sachliche Gewissheit ist durch einen emotionalen Astigmatismus (= optischer Abbildungsfehler) kontaminiert.

Es ist auch tatsächlich schwierig, sich an die Weinwirtschaft in Südafrika zu erinnern, wie sie in der Zeit vor 1994 war: Eine ganze Generation von Winzern hat sich seit damals entwickelt und verwirklicht, ohne dabei von den strikten Kontrollen des alten KWV*-Gesetzes in ihrer Innovationsfreude oder Kreativität eingeschränkt zu werden. Südafrikanische Winzer, die jetzt in den Vierzigern sind, sind nicht mehr geprägt von der Zeit der wirtschaftlichen und politischen Isolation ihres Heimatlandes. Damals konnte man nicht einfach ins Ausland reisen, um über den eigenen Wein zu sprechen oder Messen zu besuchen. Ihre Kollegen im gleichen Alter, die heute in Vertrieb und Management tätig sind, können sich wohl kaum einen Absatzmarkt vorstellen, der sich ausschließlich auf inländische Verbraucher beschränkt oder in dem der größte Anteil der Weinproduktion als Überschuss behandelt wird, für den ein obligatorischer Mindestweinpreis angesetzt wurde.

Vor zwei Jahrzehnten begann sich Südafrikas Weinwirtschaft, sich von den Zwängen der quasi staatlichen Kontrollen zu erholen. Nominell unabhängig und repräsentativ für die 4.500 vor allem weißen Bauern, die alle Mitglieder bei der KWV waren, hatte die damalige Koöperatieve Wijnbouwers Vereniging van Zuid-Afrika weitreichende Befugnisse, um jeden Aspekt der Weinerzeugung zu kontrollieren. Dies reichte von der Festlegung und Verbreitung des Pflanzenmaterials bis zu Mindestpreisen für Wein und Weinprodukte. Obwohl schon geraume Zeit vor 1994 begonnen wurde, einige der klaustrophobischen Kontrollstrukturen abzubauen (wie z. B. die Pflanzgenehmigungen, bekannt als Quotas), wurden die Akteure der Weinwirtschaft quasi von der Wiege bis zur Bahre von einer Pflegeperson/einem Hausmeister beaufsichtigt. In der Ära der Sanktionen war die KWV nahezu der einzige Exporteur. Er bewegte große Mengen von Fasswein in die Weltmärkte und nahm dabei u. U. auch eine vorteilhafte „Schönung“ bei den Exportpapieren vor, indem er international beliebtere Herkünfte benannte.

Diese von einem Monopol geprägte Wirtschaftsform führte dazu, dass 1994 die meisten südafrikanischen Weinfarmer und Erzeuger keine fundierte Ahnung davon hatten, was auf den internationalen Weinmärkten geschah. Sie hatten auch keine klare Vorstellung von den Erwartungen der internationalen Weinkonsumenten. Zwar gab es bereits in den 1950er-, 1960er- und 1970er- Jahren und auch in den 1980er-Jahren einige hervorragende, wenn auch noch rustikale Weine, doch diese Weinqualitäten spiegelten die isolierten Denk- und Verhaltensweisen der damaligen Zeit wider.

Die Trauben wurden meistens geerntet, bevor sie phenolisch reif waren. Ihre Zuckerwerte bestimmten nahezu als einziger Indikator den Erntetermin. Das Hinzufügen von Säure war damals außer auf den sorgfältig gepflegten Weinfarmen und technisch kompetenten Kellereien Standard. Die Sitte, neues (vor allem französisches) Holz zu verwenden, war zwar bereits weit verbreitet, aber die Qualität der Fässer, die ans Kap geliefert wurden, war oft zweifelhaft. Das führte häufig zu einem unerfreulichen Zusammenspiel von harschen Tanninen und übertriebenen Eichenholznoten, gepaart mit harter Säure und einer dünnen Kräuteraromatik. Im Rückblick ist es kaum erstaunlich, dass internationale Einkäufer nur niedrigere Durchschnittspreise für Weine vom Kap ansetzten – eine Bürde, unter der Südafrikas Produzenten  heute vielfach noch leiden.

Die Weinberge waren damals vorwiegend mit ertragreichen weißen Sorten bepflanzt und wurden auch entsprechend bewirtschaftet. Hohe Mengenerträge waren wichtiger als die Qualität. Mit der Öffnung der Märkte wurde klar, dass die Nachfrage nach roten Premiumsorten am stärksten war. So begannen die Winzer ab 1994, ihre bestehenden Weinlagen mit roten Rebsorten anzupflanzen. Dies wiederum bedeutete, dass ein erheblicher Prozentsatz des südafrikanischen Rotweins zu Beginn des Umschwungs von jungen Rebanlagen kam. Sie waren leider häufig mit minderwertigem Klonmaterial bestockt, das vom staatlichen Vine Improvement Board geliefert wurde.

Der Weinbau in Südafrika war zur damaligen Zeit eigentlich langweilig. Das ist nicht überraschend in einer Branche, die lange von Genossenschaften dominiert wurde, die wiederum darauf ausgerichtet waren, die Nachfrage einer kleinen, aber mächtigen Gruppe von Großhändlern zu befriedigen. Traubenselektion – vor allem bei der Ernte – war damals die Ausnahme, nicht die Regel. Auch die Kellereihygiene wurde bestenfalls oberflächlich betrieben. Weinfehler und Qualitätsmängel gab es im Überfluss. Beispielsweise war Brettanomyces in den Kellermeisterkreisen weitgehend unerkannt, und die Winzer freuten sich eher über die vermeidbare „Komplexität“, die diese Hefen in ihre jungen Weine brachte.

Es sorgte damals für reichlichen Unmut, als John Platter und ich (Michael Fridjhon) gemeinsam den Plan ausheckten, einen Weinvergleich zwischen Südafrika und Australien auszurichten – hauptsächlich um Südafrikas Weinbranche aus ihrer Selbstgefälligkeit aufzuwecken. Das Ergebnis, eine 78:21-Niederlage, schockierte selbst die Realisten unter den Produzenten und führte dazu, dass man in der Kapregion John Platter und mir von da an eher feindlich gesinnt war. Dennoch war dieser schmerzhafte Weinvergleich eine dramatische Lernerfahrung und eine wichtige Starthilfe, die besonders von den jüngeren Winzern konstruktiv angenommen wurde. Innerhalb von nur wenigen Jahre setzte sich Südafrika bei der Cowra Chardonnay Challenge im Dreiländervergleich gegen Australien und Neuseeland an die Spitze.

Südafrikas Weinbranche hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Die mächtigen Großhändler haben sich alle gesteigert. Distell, entstanden aus der Fusion von Stellenbosch Farmers Winery und Distillers und The Bergkelder, baut vermehrt hochwertige Weine aus. Die KWV ist inzwischen privatisiert und gilt als mittelgroßer Weinproduzent, der eine markante Premiumselektion anbietet. Douglas Green Bellingham (DGB) liefert heute wettbewerbsfähige Qualität in allen Preisklassen. Die traditionellen Weingüter und privaten Kellereien haben dank fortschrittlicher Investitionen und Weinbaupraktiken ihren Marktanteil stets erweitert.

Messbar wird die Qualitätsdynamik in Südafrikas Weinwirtschaft durch den massiven Ausbau der Anbieter, die selbst Wein produzieren. In den frühen 90er-Jahren waren es weniger als 200, heute sind es rund 600 Betriebe. Hochkarätige und renommierte ausländische Investoren, die sich vor allem in den Weinanbaugebieten der nördlichen Hemisphäre einen guten Ruf erworben haben, sind Teil dieser wundersamen Vermehrung. Beispielhaft zu nennen sind May de Lencquesaing, ehemals Inhaberin von Château Pichon Lalande in Pauillac. Sie ist heute Eigentümerin von Glenelly in Stellenbosch. Ein Konsortium der Charlesbank, das Screaming Eagle in Kalifornien zum Ruhm führte, gehört heute Mulderbosch und Fable Mountain Vineyards. Das geschichtsträchtige Weingut Klein Constantia wird inzwischen von einer Gruppe geführt, die auch das namhafte Château Angelus Hubert du Bouard in Saint-Émilion besitzt.

Weitere Betriebe sind aus Zusammenschlüssen von Winzern entstanden, die sich dazu entschlossen haben, ihre eigene Produktion aufzubauen und ihre eigenen Marken zu entwickeln. Andere wurden von Pionieren gegründet, die, frei von den ehemaligen Beschränkungen des Quotensystems, plötzlich in völlig neuen Anbaugebieten ihren Traum verwirklichen konnten. Hinzugekommen sind die zunehmend wichtiger gewordenen Boutiqueproduzenten. Es gibt Winzer, die Parzellen mit alten Reben identifiziert haben, deren Trauben bislang an die Kooperativen verkauft wurden und die nun ihren eigenen Wein ausbauen. Andere wiederum machen ein paar Fässer auf Versuchsflächen, die oft Hunderte und manchmal Tausende von Kilometern vom Epizentrum der Weinbranche im Western Cape entfernt liegen. Wichtig zu wissen ist an dieser Stelle, dass die Hälfte der Weinerzeuger des Landes weniger als 7.000 Kisten Wein (à 12 Flaschen) pro Jahr produzieren.

Südafrika ist in vielerlei Hinsicht einer der neuen Vorreiter in der Welt des Weins. Trotz der langen Tradition der Weinbranche, die über 350 Jahre zurückreicht, trotz der Lagen, Weingüter und Bezeichnungen, die inzwischen fast vier Jahrhunderte zurückreichen, verkörpert Südafrika noch immer „Entdeckergeist“. Dank eines behördlich kontrollierten Umfelds, das Transparenz und Authentizität absichert, das aber gleichzeitig auch auf die Innovationen der sich ständig verändernden Weinlandschaft eingeht, können die Weinerzeuger die zunehmende Präzision von Herkunft dank handwerklicher und innovativer Produktionstechniken vorantreiben. Das überrascht, wenn man bedenkt, dass die beiden Regionen, die derzeit die Spitze des südafrikanischen Qualitätsspektrums ausmachen, Stellenbosch und Swartland sind. Stellenbosch ist bis heute von namhaften Weingüter dominiert, die bereits im 17. Jahrhundert gegründet wurden. Swartland hingegen wurde erst vor kurzer Zeit von der neuen Winzergeneration aus der sogenannten Nach-Apartheid-Ära wiederentdeckt.

In den letzten zwanzig Jahren hat sich die südafrikanische Weinwirtschaft von einer der unflexibelsten weltweit zu einer der dynamischsten Weinnation entwickelt. Man könnte auch sagen: Südafrikas Weinwirtschaft hat sich aus einer übertriebenen Selbstsicherheit in eine Phase der Selbstzweifel begeben, die sie zu ihrer wahrhaftigen Größe reifen ließ. Südafrikas Weinwirtschaft ist sich seiner Stärken bewusst, weiß um seine Grenzen und ist bereit, die anstehenden Herausforderungen anzunehmen. Südafrikas Weinwirtschaft ist beseelt von der Aussicht, Frieden mit der Vergangenheit zu schließen. Kurz: Sie ist erwachsen geworden.

Dieser Artikel stammt im Original von Michael Fridjhon, der in englischer Sprache auf dem Blog von Wines of South Africa (WOSA) anlässlich des 20-jährigen Jubiläums veröffentlicht wurde. Der Exportverband der südafrikanischen Winzer hat weltweit Autoren eingeladen, im Rahmen dieses Jubiläumsjahres ihre Sichtweise auf die Entwicklungen und persönliche Geschichten zu schildern.

Dieser Artikel wurde ins Deutsche übersetzt und adaptiert von Petra Mayer.

Michael Fridjhon

Michael Fridjhon ist Südafrikas international anerkanntester Weinjuror. Er gilt als einer der gefragtesten Berater in der südafrikanischen Getränkewirtschaft und zählt zu den führenden Weinjournalisten des Landes. Er war seit der Gründerzeit Vorsitzender der Old Mutual Trophy Wine Show, einem der renommiertesten südafrikanischen Weinwettbewerbe. Darüber hinaus hat er in zahlreichen internationalen Weinwettbewerben als Juror mitgewirkt. Beispielsweise war er der erste internationale Vorsitzende der in England ansässigen International Wine Challenge und erst kürzlich noch Vorsitzender der Five Nations Challenge, die jährlich in Sydney satt findet. Er ist Gastprofessor für Weinwirtschaft an der Universität in Kapstadt und ehemaliger Vorsitzender des South African Wine Industry Trust. Für sein weitreichendes Engagement hat er zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten, beispielsweise wurde er 2012 von Louis Roederer zum International Wine Columnist of the Year ausgelobt. Heute schreibt er wöchentlich eine Kolumne für den Business Day und publiziert regelmäßig in namhaften Weinpublikationen in England, Frankreich, Deutschland und China. Er hat selbst The Penguin Book of South African Wine geschrieben und als Co-Autor bei 30 Weinbüchern mitgewirkt.

Weiterer Lesestoff:

Originaltext auf dem Blog von Wines of South Africa

Aktuelle Kolumne “Twenty Years of wine making” in Businessday com und Wine and Status im Daily Maverik von Michael Fridjhon

Petra Mayer
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