
Soziale Nachhaltigkeit im südafrikanischen Wein
Kaum eine Weinnation trägt ihre jüngere Geschichte so sichtbar in sich wie Südafrika. Wer heute ein Glas Kap-Wein trinkt, trinkt auch ein Stück dieser Geschichte – vom Erbe der Apartheid bis zu den Menschen, die den Sektor seither neu aufbauen.
Was heißt „soziale Nachhaltigkeit“ im Weinkontext?
Soziale Nachhaltigkeit ist im Weinbau kein abstrakter Begriff. Sie entscheidet sich an sehr konkreten Fragen: Unter welchen Bedingungen arbeiten die Menschen, die die Trauben pflücken? Wem gehört das Land, auf dem die Reben stehen? Wer sitzt heute in den Führungsetagen der Kellereien – und wer stand vor wenigen Jahrzehnten noch gar nicht zur Wahl? Und: Wer bekommt die Ausbildung, die den Weg vom Farmarbeiter zum Winemaker überhaupt erst möglich macht?
Diese vier Dimensionen – Arbeitsbedingungen, Landbesitz, Repräsentation, Ausbildung – ziehen sich durch die gesamte jüngere Geschichte des südafrikanischen Weinsektors. Sie sind der rote Faden, an dem sich auch dieser Themenbereich entlanghangelt.
Der Ausgangspunkt: eine Branche im Griff eines Systems
Über sieben Jahrzehnte lang, von den 1920er Jahren bis in die frühen 1990er Jahre, war der südafrikanische Weinbau von einem engmaschigen Regulierungssystem geprägt: Die KWV (Koöperatieve Wynbouwers Vereniging) kontrollierte Pflanzquoten, setzte Mindestpreise fest und steuerte, wie viel Wein überhaupt produziert werden durfte. Produziert wurde überwiegend genossenschaftlich – Trauben wurden gebündelt verkauft, Farmer nach Tonnage bezahlt, kaum jemand exportierte in nennenswertem Umfang.
Dieses System war nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial extrem exklusiv. Landbesitz, Kellereien, Genossenschaftsvorstände, selbst der Zugang zu Krediten – all das lag in den Händen einer kleinen, eng vernetzten weißen Minderheit im ländlichen Westkap. Wie groß dieses Ungleichgewicht in konkreten Zahlen war, lässt sich für das Jahr 1994 im Nachhinein nicht mehr exakt beziffern – eine Lücke, die für sich genommen schon etwas aussagt: Der Sektor hat seine eigene Ausgangslage lange nicht systematisch dokumentiert.
Zum strukturellen Erbe dieser Zeit gehört auch das sogenannte Dop-System, bei dem Farmarbeiter historisch teilweise mit Wein statt mit Lohn entlohnt wurden – eine Praxis, die 1960 gesetzlich verboten wurde. Durchgesetzt wurde das Verbot allerdings erst in den 1990er Jahren. Deren Folgen aber bis weit in die Gegenwart nachwirkten. Es ist eines von mehreren Kapiteln, die zeigen: Die Transformation des Sektors nach 1994 begann nicht bei null, sondern musste sich gegen tief verankerte Strukturen durchsetzen.

Der politische Bruch: 1994 als Startschuss
Der entscheidende Bruch kam von außen – aus der Politik. Mit den ersten freien Wahlen 1994 und der Vereidigung von Nelson Mandela als erstem schwarzen Präsidenten Südafrikas endete nicht nur die Apartheid, sondern begann der Aufbau einer modernen, demokratischen Verfassungsordnung. Dieser politische Neustart war der eigentliche Startschuss auch für den südafrikanischen Weinsektor: Ohne ihn hätte es die folgende Welle an Arbeits-, Landreform- und Gleichstellungsgesetzen nicht gegeben, die den Sektor in den folgenden Jahren grundlegend veränderten.
1994 – der rechtliche Umbau beginnt
Mit dem Ende der Apartheid setzte eine Welle neuer Gesetzgebung ein, die weit über den Weinsektor hinausreichte, ihn aber direkt betraf: der Restitution of Land Rights Act (1994), der Labour Relations Act (1995/96), der Extension of Security of Tenure Act (1997) zum Schutz von Wohnrechten auf Farmen, der Basic Conditions of Employment Act (1997/98) und der Employment Equity Act (1998). Landwirtschaftliche Arbeit, die zuvor kaum arbeitsrechtlich abgesichert war, wurde damit erstmals in moderne Rechtsrahmen eingebunden.
Auch strukturell tat sich etwas: Die ersten sogenannten „Land-and-Brand“-Projekte entstanden, bei denen Landreformprogramme direkt mit dem Aufbau einer eigenen Weinmarke verknüpft wurden – meist als Joint Ventures zwischen weißen Farmbesitzern und ihren Arbeiter:innen. Namen wie New Beginnings, Sonop (später unter der Marke Winds of Change), Bouwland oder Thandi stehen für diese erste Generation von Pionierprojekten.
Nicht jede Entwicklung dieser frühen Jahre verlief geradlinig. Der Wandel brachte auch Rückschläge und Spannungen mit sich, etwa als sich Farmbesitzer auf gestiegene Löhne und neue Compliance-Anforderungen zum Teil mit einer Verkleinerung fester Belegschaften einstellten. Transformation war – und ist – kein linearer Prozess.



Von Ausschluss zu Aufbau
Aus diesem Umbruch heraus entstanden mit der Zeit eigene Institutionen, die genau diese Aufgabe übernehmen sollten: Strukturen aufzubauen, die dem historischen Ausschluss aktiv entgegenwirken. 1999 wurde mit dem South African Wine Industry Trust ein erster branchenweiter Fonds gegründet, finanziert durch die KWV im Zuge ihrer eigenen Umwandlung von einer Genossenschaft in ein privates Unternehmen. Die Umsetzung dieser frühen Phase geriet streckenweise ins Stocken – die Lehren daraus flossen in eine grundlegend neue, transparentere Struktur ein.
2016 wurde die South African Wine Industry Transformation Unit gegründet, getragen von den zentralen Branchenorganisationen und finanziert über eine feste Umlage („Levy“) aller Marktteilnehmer – ein bewusster Bruch mit der Fondslogik der ersten Stunde. Seit 2023 liegt diese Arbeit bei South Africa Wine, konkret bei der eigenen Inclusion and Development-Abteilung, die heute Programme für Ausbildung, Unternehmensförderung und Marktzugang bündelt.
Diese institutionelle Reise – von einem ersten, holprigen Fonds zu einer heute etablierten, umlagefinanzierten Struktur – ist selbst ein Stück der Geschichte, die dieser Sektor über sich erzählen kann: nicht als geradliniger Erfolg, sondern als ein Lernprozess, der bis heute andauert.
Drei Wege, ein Ziel
Aus dieser Entwicklung sind heute drei eigenständige, aber miteinander verbundene Ansätze entstanden, die den südafrikanischen Weinsektor sozial nachhaltiger machen sollen:
WIETA setzt an den Arbeitsbedingungen selbst an – als Sozialstandard der Branche, der die Menschen entlang der Wertschöpfungskette in den Blick nimmt, von der Farm bis zur Abfüllung. [Weiterlesen → WIETA]
Fairtrade verfolgt einen anderen Ansatz: Zertifizierung mit direktem Marktsignal, verbunden mit Prämienzahlungen, die in konkrete soziale Projekte fließen. [Weiterlesen → Fairtrade] – Beispiel – Du Toitskloof
Transformation & Inklusion schließlich ist keine Zertifizierung, sondern ein Leitbild – politisch gesetzt, nicht aus der Branche selbst heraus entstanden. Gleichberechtigung und Teilhabe waren von Beginn an eine verfassungsrechtliche und gesellschaftspolitische Forderung, verankert unter anderem im Konzept des Black Economic Empowerment (BEE). Der Weinsektor musste sich dieser Vorgabe stellen wie jede andere Branche auch. Erst mit der Zeit setzte sich intern die Erkenntnis durch, dass kulturelle Vielfalt und die Qualifikation der Menschen entlang der Wertschöpfungskette selbst zum Treiber für Qualität werden können – ein langer Weg, der bis heute andauert. Getragen wird er von einer ganzen Reihe von Initiativen und Programmen, die Menschen von der ersten Ausbildung bis zur eigenen Marke begleiten. [Weiterlesen → Transformation]
Wie diese drei Ansätze im Detail funktionieren, welche Fortschritte sie belegen können und wo auch heute noch offene Fragen bleiben, lesen Sie in den folgenden drei Vertiefungen.