
WIETA — Der erste Sozialstandard der Weinwelt
Eine Zertifizierung ist zunächst ein Siegel und ein Zeichen der Sichtbarkeit. Was dahintersteht, wird Kund:innen oft nicht bewusst oder verständlich gemacht. Bei WIETA lohnt der genauere Blick – denn dahinter steht das Bestreben einer ganzen Branche, echte Verantwortung zu übernehmen und sich von innen heraus neue Spielregeln zu geben.
Was WIETA ist
Die Wine and Agricultural Ethical Trade Association (WIETA) ist kein staatlicher Standard und kein reines Prüfsiegel, sondern eine freiwillige Multi-Stakeholder-Organisation: Weinproduzenten und ihre Verbände sitzen im selben Gremium wie Gewerkschaften, zivilgesellschaftliche Organisationen und der Einzelhandel. Der Vorstand ist entsprechend besetzt – Produzentenorganisationen, Gewerkschaften und Zivilgesellschaft teilen sich die Sitze. Diese Konstruktion ist kein Zufall: Sie bedeutet, dass die Regeln, an denen sich der Sektor misst, nicht abstrakt von außen auferlegt, sondern gemeinsam mit denjenigen entwickelt wurden, die sie später auch umsetzen müssen – von der Praxis für die Praxis.
Der Ursprung – gewachsene Verantwortung
Um zu verstehen, warum WIETA entstand, hilft ein Blick auf die Ausgangslage: Auf südafrikanischen Weinfarmen leben und arbeiten Menschen oft direkt am Ort ihrer Beschäftigung – Wohnraum, Wasserversorgung, mitunter auch Bildungs- und Gesundheitsangebote für ganze Farmgemeinschaften liegen damit in einem Maß in der Verantwortung des Betriebs, wie es in Deutschland unüblich ist. Ein staatliches Sicherungsnetz, das diese Lücke auffängt, existiert in Südafrika nur eingeschränkt. Was ein Arbeitgeber hier tut oder unterlässt, wirkt sich also unmittelbarer auf ganze Gemeinschaften aus als anderswo.
Südafrika verfügt mit dem IPW-Programm (Integrated Production of Wine), eingeführt 1998, bereits über einen anerkannten Nachhaltigkeitsstandard – mit Schwerpunkt auf betrieblicher Sicherheit und Gesundheitsschutz. Die sozialen Herausforderungen des Sektors reichten jedoch weiter: existenzsichernde Löhne, Wohnrecht, Vereinigungsfreiheit – Themen, die sich eher an internationalen arbeitsrechtlichen Normen orientieren, wie sie die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in Genf formuliert, als an betrieblicher Sicherheitstechnik. Aus dieser Lücke heraus entstand im November 2002 ein eigener Standard: WIETA, hervorgegangen aus einem zweijährigen Pilotprojekt mit der Ethical Trading Initiative (ETI).

Das Siegel ist die sichtbare Spitze eines Prozesses, der eigentlich viel früher beginnt.
Nicht das Siegel zählt – sondern die Menschen
Im Zentrum von WIETA steht ein Verhaltenskodex mit zwölf Prinzipien, orientiert an ILO-Normen: von Vereinigungsfreiheit über reguläre Beschäftigung bis zu Wohn- und Sicherheitsstandards. Erst darauf aufbauend folgt die eigentliche Zertifizierungsarchitektur – Mitgliedschaft, Audit, Standortzertifizierung und, ganz am Ende, seit 2012 ein eigenes Produktsiegel für den Handel. Diese Reihenfolge ist bewusst gewählt: Das Siegel ist die sichtbare Spitze eines Prozesses, der eigentlich viel früher beginnt – bei der Frage, ob Menschen entlang der Kette überhaupt wissen, welche Rechte ihnen zustehen, und ob sie diese auch einfordern können.
In den frühen Jahren zeigte sich das ganz praktisch: Wo viele Arbeiter:innen kaum lesen konnten, wurden Arbeitsverträge zeitweise in vereinfachter, bildbasierter Form erklärt – ein kleines, aber sprechendes Beispiel dafür, dass Empowerment vor Zertifizierung kommen muss, nicht danach.
Wie WIETA arbeitet – Audits mit Substanz
Ein WIETA-Audit stützt sich nicht auf eine einzelne Quelle, sondern auf Triangulation: Dokumentenprüfung, Interviews mit Arbeiter:innen, Gespräche mit dem Management und eine Begehung vor Ort. Festgestellte Abweichungen werden nach Risiko eingestuft; Betriebe erhalten einen Corrective Action Plan mit einer Frist von in der Regel vier Monaten zur Nachbesserung. Ergänzt wird das System durch den WIETA Labour Desk – eine direkte Beschwerdestelle für Arbeiter:innen, unabhängig vom jährlichen Audit-Rhythmus.



Reichweite bis zur Farm
Der eigentliche Hebel von WIETA liegt in seiner Reichweite: Anders als viele Standards, die nur bei der Kellerei ansetzen, erreicht WIETA die Farmen selbst – dort, wo die Trauben abgeliefert werden und die meisten Menschen im Sektor arbeiten. Aktuell zählt die Organisation rund 1.350 bis 1.360 aktive Mitglieder (die genaue Zahl schwankt je nach Erhebungszeitpunkt leicht). 24.683 Farmarbeiter:innen sind damit unter zertifizierten Bedingungen beschäftigt.
Wachstum und Wirkung
Die Zahlen zeigen, wie weit sich WIETA seit 2002 entwickelt hat: Aus einem zweijährigen Pilotprojekt ist eine Organisation mit heute rund 1.350 aktiven Mitgliedern geworden, die allein 2024 356 Audits durchführte. Ein wichtiger Schritt war 2010 die Ausweitung der Auditierung von der reinen Kellerei-Ebene auf die gesamte Lieferkette – seither reicht der Standard bis dorthin, wo die meisten Menschen im Sektor tatsächlich arbeiten: auf die Farmen selbst. Gemessen an den rund 86.000 Menschen, die branchenweit auf Farmen und in Kellereien arbeiten, sind damit heute knapp drei von zehn Beschäftigten im Sektor unter WIETA-zertifizierten Bedingungen tätig – ein beachtlicher Anteil für einen freiwilligen Standard, der noch deutlich wachsen wird.
Ein besonders wirkungsvoller Schritt war die Ausweitung der Zertifizierung auf Fasswein (Bulkwein). Gerade auf den Farmen, die Trauben für das preisgünstigere Segment liefern, ist der wirtschaftliche Druck am größten – und damit auch das Risiko für Verstöße gegen soziale Mindeststandards. Mit der sozialen Rückverfolgbarkeit von Bulkwein schließt WIETA genau diese Lücke: In Kooperation mit internationalen Abfüllern, die den Wein im Zielmarkt eigenständig vinifizieren, lässt sich die soziale Herkunft eines Jahrgangs auch dann lückenlos nachweisen, wenn der Wein nicht in Südafrika selbst abgefüllt wird.
Offen bleibt WIETA dabei auch mit den eigenen Schwachstellen um: Themen wie Arbeitszeiten oder Wohnsicherheit bleiben in den Audits regelmäßig im Fokus – ein Zeichen dafür, dass genau hingeschaut wird, statt Probleme zu verschweigen.
Warum das für den deutschen Handel relevant ist
Mit WIETA verfügt der südafrikanische Weinsektor über eine Struktur, die europäischen – und insbesondere deutschen – Einkäufern eine belastbare Schnittstelle für das eigene Risikomanagement entlang der Lieferkette bietet, wie es unter anderem das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz von Unternehmen verlangt. Dokumentierte Audits, ein klar definierter Beschwerdeweg und eine transparent kommunizierte Risikobewertung sind genau die Bausteine, die im Rahmen von Sorgfaltspflichten entlang der Wertschöpfungskette gefragt sind.