Weinbau und Naturschutz am Kap
Das Cape Floral Kingdom ist eines von weltweit nur sechs Florenreichen und mit rund einer Million Hektar entlang der West- und Südküste des Kaps das flächenmäßig kleinste, zugleich aber artenreichste. Auf gerade einmal 0,5 Prozent der Landfläche Afrikas wachsen hier mehr als 9.000 Pflanzenarten – etwa 20 Prozent aller afrikanischen Pflanzenarten, ein gutes Drittel davon endemisch, also nirgendwo sonst auf der Welt zu finden.

Die heimische Fynbos Vegetation –
eine Vielfalt die weltweit einzigartig ist

Das kleinste, aber vielfältigste Florenreich der Welt
Wie einzigartig diese Dichte ist, zeigt ein Vergleich: Allein auf dem Tafelberg wachsen über 2.200 Pflanzenarten, mehr als auf den gesamten Britischen Inseln mit ihren rund 1.500 heimischen Arten – und das auf einer Fläche kaum größer als eine mittlere Stadt.
Geprägt wird diese Vielfalt vor allem von einer einzigen Vegetationstyp (Biom): der Fynbos-Vegetation („feines Buschwerk“), die etwa vier Fünftel des Cape Floral Kingdom bedeckt. Sie ist an Trockenheit und regelmäßige Buschfeuer angepasst – viele Arten sind sogar auf Feuer angewiesen, um sich überhaupt fortzupflanzen.
Ihr bekanntestes Aushängeschild ist die Protea: Allein die Gattung zählt rund 112 Arten, fast alle ausschließlich am Kap beheimatet, angeführt von der König-Protea, Südafrikas Nationalblume. Die weitere Pflanzenfamilie der Proteaceae, zu der etwa Zuckerbüsche und Silberbäume zählen, bringt es in Südafrika auf rund 360 Arten.
Diese Konzentration einzigartigen Lebens an einem einzigen Ort macht das Cape Floral Kingdom zu einem globalen Biodiversitäts-Hotspot, einer von 36 weltweit anerkannten Regionen. Seine Pflanzen- und Tierwelt ist für die gesamte Menschheit von Bedeutung: als genetische Ressource, als Gegenstand der Forschung und schlicht als unwiederbringliches Naturerbe. Genau das macht seinen Schutz zu einer Aufgabe, die weit über Südafrika hinausreicht.
Rund 90 bis 95 Prozent der Rebflächen befinden sich innerhalb oder am Rand des Cape Floral Kingdom. Damit ist der Weinbau hier nicht Zuschauer, sondern unmittelbarer Akteur im Naturschutz – im Guten wie im Problematischen. Rebe und heimische Vegetation stehen hier also denkbar nah beieinander – eine Nachbarschaft, die Chance und Verpflichtung zugleich ist. Aus genau dieser Nähe ist eine Partnerschaft entstanden, die den Umweltschutz in der südafrikanischen Weinbranche bis heute prägt.
„Eines der artenreichsten und zugleich bedrohtesten Ökosysteme der Erde – und mittendrin Weinbetriebe, von denen viele seit 2004 Naturflächen schützen.“
Ein Wettlauf gegen den Flächenverlust
Anfang der 2000er-Jahre geriet das Kap gleich von mehreren Seiten unter Druck: wachsende Städte und Siedlungen, zunehmender Tourismus und ein expandierender Weinbau setzten den gefährdeten Ökosystemen der Region zu. Landwirtschaft und Urbanisierung gelten bis heute als deren größte Bedrohungen.
Besonders hart traf es das Renosterveld, einen der am stärksten gefährdeten Vegetationstypen des Kaps: Von seiner ursprünglichen Fläche sind heute weniger als vier Prozent übrig. Damit stand die Region vor einer grundsätzlichen Frage – wie lassen sich wirtschaftliches Wachstum und der Erhalt einzigartiger Lebensräume miteinander vereinbaren?
„Fast der gesamte südafrikanische Weinbau liegt im oder am Rand des artenreichsten Florenreichs der Erde – seit 2004 arbeiten Winzer und Naturschützer hier bewusst zusammen.“



Die Biodiversity and Wine Initiative: aus Notwendigkeit wird Leitbild
Die Antwort darauf kam 2004 mit der Biodiversity and Wine Initiative (BWI) – einem damals ungewöhnlichen Bündnis aus Naturschutzorganisationen und südafrikanischer Weinwirtschaft. Ihr gemeinsames Ziel: den weiteren Verlust bedrohter Lebensräume und der Vegetation zu begrenzen und Winzern praxistaugliche Biodiversitätsrichtlinien an die Hand zu geben – statt Naturschutz und Bewirtschaftung gegeneinander auszuspielen.
Teilnehmende Betriebe verpflichteten sich, Teile ihres natürlichen Landes unter Schutz zu stellen, etwa Feuchtgebiete, Flussufer und seltene Fynbos-Bestände, und gebietsfremde Baumarten wie Kiefern und Akazien zu entfernen, die deutlich mehr Wasser verbrauchen als die heimische Vegetation. Aus dieser Initiative gingen u. a. drei Entwicklungen hervor, die bis heute Bestand haben.
1. Verbindliche Richtlinien im IPW
Was als Idee der BWI begann, ist nun als Biodiversitätsrichtlinien im Umweltprogramm Integrated Production of Wine (IPW) eingepflegt. Naturschutz zählt damit als Leitlinie für die teilnehmenden Betriebs.
2. Auszeichnung für besonderes Engagement:
Betriebe, die sich über diese Basisanforderungen hinaus für den Naturschutz engagieren, dürfen sich „Champions“ nennen. Ab 2016 führt der WWF South Africa dieses Programm als WWF Conservation Champions mit eigenen Kriterien und einem erweiterten Umweltschutzprogramm fort. Wer Weine dieser Betriebe kauft, honoriert damit deren vorbildliches Engagement für den einheimischen Naturschutz.
3. Sichtbar für Verbraucher:
Auf zahlreichen südafrikanischen Weinen befindet sich das Siegel „Integrity & Sustainability“. Seit Januar 2025 trägt es ein neues Design und einen QR-Code, der Herkunft, Jahrgang und Rebsorte sowie die Erzeugung von einem IPW-zertifizierten Betrieb bestätigt. Das Siegel bestätigt anhand einer individuellen Siegelnummer, dass die Produktion vom Weinstock bis zur Flasche transparent und rückverfolgbar dokumentiert ist.



Zwei Logos auf einer Flasche – eine Ambition: Umwelt- und Naturschutz
Zwei Signets können auf derselben Flasche zusammentreffen – und sagen dabei ganz Unterschiedliches aus. Das IPW-Siegel „Integrity & Sustainability“ am Flaschenhals bezieht sich auf den Wein selbst und seine Produktion nach dem IPW-Umweltprogramm der Branche. Das Signet mit Zuckervogel und Protea auf dem Etikett dagegen bezieht sich auf den Betrieb: Es zeigt, dass dieser vom WWF als Conservation Champion ausgezeichnet wurde und das Logo führen darf.
Das Motiv ist dabei kein Zufall: Der Zuckervogel lebt vom Nektar der Protea, die Protea wiederum wird vom Vogel bestäubt – eine Beziehung auf Gegenseitigkeit, in der der WWF ein Sinnbild für das Verhältnis von Naturschutz und Landwirtschaft auf den Betrieben sieht.
Naturschutz beeinflusst den Weinbau bei den WWF Conservation Champions
Manche Betriebe gehen über die Anforderungen des Branchenprogramms IPW hinaus und engagieren sich zusätzlich für Naturschutz, Wasser und Energie. Wer das tut, kann sich vom WWF South Africa mit dem Titel „Conservation Champion“ auszeichnen lassen – dem Programm, das seit 2016 aus der Biodiversity and Wine Initiative hervorgegangen ist.
Was einen Conservation Champion ausmacht
Die Teilnahme ist freiwillig, verlangt den Betrieben aber einiges ab. Über die eben beschriebenen Maßnahmen hinaus prüft der WWF eine Reihe formaler Kriterien, bevor ein Betrieb den Titel tragen darf:
- ein unabhängiger IPW-Audit mit mindestens 70 Prozent für Farm und/oder Keller
- eine CO₂-Basisbilanz
- ein gemeinsam mit dem WWF erarbeiteter Umweltmanagementplan mit Betriebskarten, konkreten Zielen und jährlichem Monitoring
- ein rechtsverbindliches Grundbesitzer-Abkommen mit dem WWF.
- der Nachweis besonderen Engagements bei Wasser, Energie und/oder Biodiversität – je nach Betrieb mit eigenem Schwerpunkt
Was das konkret bedeuten kann:
Im Gegenzug profitieren die Betriebe von einer Reihe von Vorteilen: gemeinsamen Marketing- und Kommunikationsaktionen, etwa über Social Media und die App „Champion Wine Farm Guide“, Zugang zu möglicher Zusatzfinanzierung für Naturschutzprojekte auf dem eigenen Betrieb – von Infotafeln über Wanderwege bis zu Kamerafallen –, der exklusiven Nutzung des Zuckervogel-und-Protea-Logos auf Weinen und im Marketing sowie kostenloser fachlicher Begleitung durch WWF South Africa, von Vor-Ort-Bewertungen bis zu regionalen Workshops. Ausgezeichnet wird dabei stets der Betrieb als Ganzes, nicht einzelne Weine.
Feuer gehört zum Fynbos
Viele Fynbos-Arten haben mit dem Feuer nicht nur gelernt zu leben – sie brauchen es sogar, um sich fortzupflanzen. Nach einem Brand keimen Samen, die oft jahrelang geduldig im Boden auf genau diesen Moment gewartet haben, und Pflanzen, die längst verschwunden schienen, zeigen sich plötzlich wieder.
Eingeschleppte Bäume bringen dieses fein austarierte Gleichgewicht durcheinander: Sie liefern deutlich mehr Brennstoff, wodurch Feuer heißer, schwerer kontrollierbar und langwieriger werden – eine Hitze, der viele Tiere nicht gewachsen sind. Sie können zudem den Samenvorrat im Boden zerstören und die Erde so stark austrocknen, dass der nächste Regen sie einfach fortspült. Für die Betriebe ist das Roden solcher Bäume deshalb längst mehr als eine Frage des Wassers – es geht auch um Brandschutz.
Wie ernst das genommen wird, zeigt das Weingut Boschendal, das zu den Champions zählt und sich schon lange für dieses Thema einsetzt. Alles begann 2003, als die Dämme des Guts nicht mehr voll liefen: Der Betrieb rodete daraufhin systematisch gebietsfremde Bäume. Bis 2017 waren mehr als 400 Hektar Akazien, Hakea und Kiefern verschwunden – und vier der größeren Bäche führten von da an das ganze Jahr über Wasser.
Wie sehr sich das auszahlen kann, zeigte sich beim großen Brand am Simonsberg 2016: Die wiederhergestellten Fynbos-Flächen oberhalb der Reben wirkten nach Angaben des Betriebs wie eine natürliche Brandschneise – kein einziger Rebstock ging verloren.



Naturschutz über die Farmgrenzen hinaus
Wasser, Feuer und Fremdpflanzen kennen keine Grundstücksgrenzen – deshalb wird Naturschutz am Kap zur Gemeinschaftsaufgabe. Betriebe arbeiten mit ihren Nachbarn, mit Naturschutzbehörden wie CapeNature und mit Branchenverbänden Hand in Hand. Ein eindrückliches Beispiel dafür ist die Bottelary Hills Renosterveld Conservancy bei Stellenbosch: 1992 von privaten Landbesitzern ins Leben gerufen, um das stark bedrohte Renosterveld zu bewahren. Mehrere Champion-Betriebe gehören inzwischen dazu, darunter mit Zevenwacht und Koopmanskloof auch zwei der jüngsten Mitglieder im Champions-Programm. Was als kleine Initiative begann, ist heute eine breite Bewegung: Die Zahl der Mitglieder wuchs von 18 im Jahr 2018 auf 54 im Jahr 2024.
Renaturierung ist dabei vor allem eine Frage der Geduld. In den ersten beiden Jahren gleicht eine Fläche oft eher einem verwilderten Feld als einem Naturschutzgebiet, und ein einziger Sturzregen oder eine lange Trockenheit können Jahre der Arbeit zunichtemachen. Wer hier etwas bewegen will, muss deshalb bereit sein, dauerhaft dranzubleiben.
Das Programm in Zahlen
Was ist denn der Nutzen dieses Engagements?
Nach Einschätzung des WWF hat diese Partnerschaft das Bewusstsein für die natürliche Artenvielfalt spürbar geschärft und in den Weinbauregionen ein echtes Umdenken beim Anbau angestoßen.
- Mehr als 95 Prozent der südafrikanischen Rebfläche sind heute IPW-akkreditiert – erkennbar am Siegel „Integrity & Sustainability“ am Flaschenhals (WWF).
- Champion-Betriebe setzen nach Angaben des WWF auf regenerative Anbaupraktiken und haben sich verpflichtet, bislang ungeschützte, stark gefährdete Ökosysteme zu bewahren. Intakte Ökosysteme schenken uns nach Darstellung des WWF Frischwasser, gesunde Böden und saubere Luft – und sie sind Heimat für zahlreiche seltene und bedrohte Arten, die ohne diesen Schutz für immer verloren gehen könnten.
- Das Champion-Logo soll Verbraucherinnen und Verbrauchern eine einfache Orientierung geben: ausgezeichnete Betriebe auf den ersten Blick zu erkennen, ob beim Griff zur Flasche oder bei der Wahl des nächsten Weinguts, das sie besuchen möchten.
Für die Betriebe selbst bedeutet die Mitgliedschaft nach Darstellung des WWF beides zugleich: Anerkennung für das Geleistete und Verpflichtung, diesem Anspruch weiter gerecht zu werden. Und nach Ansicht des WWF stärkt das Programm darüber hinaus den Ruf und den Marktwert südafrikanischer Weine auf internationaler Bühne.
Was mit gezielter Unterstützung alles möglich wird, zeigt der Activation Fund: 16 Betriebe erhielten je 50.000 Rand (umgerechnet rund 2.600 Euro) – finanziert unter anderem vom Table Mountain Fund und durch großzügige Spenden der Familie Isdell.
Mit diesem Rückenwind setzten die Betriebe Projekte um, die sonst wohl Zukunftsmusik geblieben wären: von der Rodung wasserzehrender Fremdpflanzen über die Renaturierung ganzer Flussläufe bis hin zu Bildungs- und Ökotourismusangeboten, die Besuchern die Natur näherbringen. Kleine Anschubfinanzierungen wie diese machen oft den entscheidenden Unterschied zwischen einer guten Idee und ihrer Umsetzung.
Nach Angaben des WWF soll die Erfolgsgeschichte weitergehen: Die Verantwortlichen wollen gezielt weitere Betriebe in Gebieten mit besonders schützenswerter oder bedrohter Biodiversität für das Programm gewinnen. Die Flächen der bestehenden Champions sollen dabei enger zu einem echten Netz aus Schutzgebieten zusammenwachsen. Und der Blick reicht schon über den Weinberg hinaus: Der WWF prüft, das bewährte Modell künftig auch auf den Obstbau auszuweiten.
Naturschutz erleben – Biodiversität als Erlebnisraum
Viele Champion-Betriebe öffnen ihre Betriebe und Schutzflächen für Besucher. Zu den weintouristischen Angeboten zählen u. a._
- Wander- und Mountainbike-Strecken durch die Fynbos-Landschaft (das Netz der Bottelary Hills allein umfasst 130 Kilometer)
- geführte Safari-Touren mit Wildtierbeobachtung
- Vogelbeobachtungspunkte
- Picknicks mit Blick über die Schutzgebiete
- ivm.
Die WWF-App (verfügbar im Google Play store) Champion Winefarm Guide listet solche Angebote betriebsweise auf.




















