Seit dem Ende der Apartheid hat sich Südafrikas Weinwirtschaft grundlegend verändert: aus einer international isolierten, streng regulierten Branche wurde ein weltoffener, exportstarker Sektor. Mit dieser Öffnung ging eine bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte einher – der Frage, wie faire Arbeitsbedingungen, wirtschaftliche Teilhabe und ökologische Verantwortung für alle Beteiligten aussehen können. Dieser Artikel zeichnet diesen Wandel nach.

Vom regulierten Markt zur weltoffenen Branche

Bis 1994 litt die Weinbranche am Kap unter internationalen Sanktionen gegen das Apartheidregime. Hinzu kam die strikte Kontrolle durch die KWV (Koöperatieve Wijnbouwers Vereniging), die Neupflanzungen, Erntemengen und Mindestpreise regelte – rund 95 Prozent der Winzer waren Mitglied, die KWV beherrschte auch den Export. Mit dem politischen Umbruch 1994 öffneten sich die internationalen Märkte, und 1997 verlor die KWV ihre Kontrollfunktion und wurde in ein privates Unternehmen umgewandelt.

Die Zahl der privaten Weinkellereien wuchs von 105 (1996) auf über 500 (2012). Auch beim Export zeigt sich der Wandel deutlich: 1995 exportierte Südafrika knapp 70 Millionen Liter Wein in etwa 40 Länder. Nach einem zwischenzeitlichen Höchststand von über 600 Millionen Litern in den frühen 2010er-Jahren lag das Exportvolumen zuletzt (2025, laut WoSA) bei rund 264 Millionen Litern – die Branche setzt heute bewusst auf Wert statt Menge: Der Anteil hochwertiger Flaschenware am Exportgeschäft wächst, während der Bulkwein-Anteil zurückgeht.

Qualität statt Masse

Mit der internationalen Öffnung veränderte sich auch, was südafrikanische Winzer und Kellermeister lernen und umsetzen konnten. Virusbefallene Weinberge wurden durch gesunde Reben ersetzt, es entstanden neue Klone für die jeweiligen Standorte. Der Anteil weißer Rebsorten sank von knapp 83 Prozent (1995) auf rund 55 Prozent (2012), da international bekannte Rotweinsorten wie Cabernet Sauvignon, Shiraz, Merlot und Pinotage an Bedeutung gewannen. Auch beim Herkunftssystem Wine of Origin zeigt sich der Qualitätssprung: 1995 wurden 87 Millionen Liter als Herkunftswein angemeldet (15 Prozent der Ernte), 2012 waren es bereits rund 520 Millionen Liter (rund 60 Prozent der Ernte).

Umwelt und Nachhaltigkeit

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung wuchs auch der Druck auf die Natur – durch intensivere Landwirtschaft und wachsende Städte. Bereits 1998 entstand deshalb das Programm Integrated Production of Wine (IPW) mit Richtlinien für Weinberg und Keller, das unter anderem Pflanzenschutz, Wasserverbrauch und CO₂-Emissionen umfasst. Seit 2010 bestätigt das Integrity & Sustainability Seal auf der Flasche, dass ein Wein nach den IPW-Richtlinien erzeugt wurde; ausgestellt wird es heute von der Wine Certification Authority (bis 2023: Wine and Spirit Board). Damals war Südafrika nach eigenen Angaben das erste Land, das ein solches Siegel branchenweit umsetzen konnte.

2004 kam mit der Biodiversity and Wine Initiative (BWI) ein weiterer Baustein hinzu: Auf freiwilliger Basis haben Winzer seitdem mehr als 130.000 Hektar ihrer Flächen unter Schutz gestellt – mehr Fläche, als die Branche insgesamt für den Weinbau nutzt.

Soziale Verantwortung: mehr als ein Siegel

Parallel zur wirtschaftlichen und ökologischen Transformation hat sich die Branche auch sozial neu aufgestellt. 2002 wurde die WIETA gegründet, um Arbeits- und Lebensbedingungen auf den Weinfarmen zu verbessern; seit 2012 gibt es dafür einen eigenen, produktbezogenen Sozialstandard. Mit dem Black Economic Empowerment (BEE) verfolgt die Branche zudem das Ziel, historisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen wirtschaftlich stärker einzubinden – von der Unternehmensgründung bis zum Marktzugang. Beide Themen sind so umfangreich, dass sie eigene Artikel in dieser Rubrik verdienen.

Was beide Programme verbindet: Nach Einschätzung von Beteiligten sind es nicht in erster Linie Audits oder Siegel, die auf den Farmen etwas verändern, sondern Schulung, Beratung und persönliches Engagement vor Ort. Transformation wird heute gemeinschaftlich von zahlreichen Akteuren getragen, von denen viele selbst als Mentorinnen und Mentoren für die nächste Generation wirken. Wines of South Africa (WoSA) zeigt das in der Videoserie „Enjoy the Journey“, in der Menschen aus früher benachteiligten Bevölkerungsgruppen von ihrem Weg in die Weinwirtschaft erzählen, sowie in der Dokumentation „Creating the Blend“, die Programme zu Landbesitz, Bildung, Gesundheitsversorgung, Ausbildung und unternehmerischen Chancen porträtiert.

Weintourismus als Teil der Erfolgsgeschichte

Mit der wachsenden Qualität der Weine entwickelte sich auch der Weintourismus. Seit der ersten Weinstraße, der Stellenbosch Wine Route von 1971, sind mehr als ein Dutzend weitere Weinrouten entstanden. Besucher finden in den Weinregionen rund um Kapstadt heute ein breites Angebot von Luxushotels bis Gästehäusern, von Spitzenrestaurants bis Picknicks im Weinberg – dazu Weinsafaris, Wanderungen und Verkostungsräume. Der Tourismus zählt neben dem Export zu den wichtigsten wirtschaftlichen Standbeinen der Branche und sichert Arbeitsplätze weit über den eigentlichen Weinbau hinaus.

Ein Prozess, der weitergeht

Die Weinwirtschaft beschäftigt nach Angaben von WoSA rund 270.000 Menschen direkt und indirekt (Stand 2025) – für viele von ihnen ist der Sektor heute eine Branche, in der sie unter fairen Bedingungen arbeiten, ein angemessenes Einkommen erzielen und eigene unternehmerische Wege gehen können. Der Wandel ist damit nicht abgeschlossen: Investitionen in Ausbildung, Infrastruktur und wirtschaftliche Teilhabe bleiben zentrale Aufgaben für die kommenden Jahre.