Die 2002 in Südafrika gegründete Wine and Agricultural Ethical Trade Association (WIETA) hat als herkunftsübergreifende Organisation einen umfassenden Standard für die Wein- und Landwirtschaft entwickelt. Dieser Verhaltenskodex legt verfälschungsfreie Regeln für faire Arbeits- und Lebensbedingungen fest, deren Einhaltung durch regelmäßige, unabhängige Audits überprüft wird. Der WIETA Ethical Code umfasst unter anderem das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit, die Einhaltung des Arbeitsrechts, Maßnahmen zu Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz, den Schutz vor Diskriminierung sowie das Recht auf Vereinigungsfreiheit.

Mitgliedsbetriebe verpflichten sich dabei zu mehr als einer reinen Unterschrift: Sie verankern ein ethisches Wertesystem im eigenen Betrieb, kommunizieren ihr Engagement an Beschäftigte und Lieferanten, unterstützen ihre eigenen Trauben- und Weinlieferanten aktiv bei besseren Arbeitsbedingungen und beziehen ihre Arbeiter in Verständnis und Kontrolle des Codes ein. Ziel ist eine kontinuierliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen, nicht die einmalige Erfüllung eines Kriterienkatalogs.

Mitgliedschaft und Siegel: zwei Ebenen

Dabei gibt es zwei Ebenen: die WIETA-Mitgliedschaft, die zur Einhaltung und regelmäßigen Prüfung des Ethikstandards verpflichtet – und das produktbezogene Siegel, das zusätzlich für einen konkreten Wein beantragt wird. Für einzelne Weine gibt es das WIETA Fair Labour Practice Seal, eingeführt 2012. Wer es beantragt, muss die gesamte Lieferkette offenlegen: Traubenlieferanten, Weinerzeuger, Kellereien und Abfüllbetriebe registrieren sich, schätzen sich selbst ein, nehmen an einem Schulungsworkshop teil und werden auditiert. Nötige Korrekturmaßnahmen werden vor dem Audit zur Zertifizierung überprüft. Das Siegel bezieht sich damit auf den dokumentierten Zertifizierungs- und Rückverfolgbarkeitsumfang eines Weins. Es ist keine ausnahmslose Garantie für jede einzelne Arbeitssituation zu jedem Zeitpunkt. Es gilt zudem jeweils für einen bestimmten Jahrgang – für den nächsten Jahrgang muss die Rückverfolgung erneut durchlaufen werden. Bei Verstößen kann WIETA das Siegel jederzeit aussetzen oder entziehen.

WIETA-Siegel „Certified Fair Labour Practice“ für faire Arbeitsbedingungen in der südafrikanischen Weinwirtschaft

WIETA – Certified Fair Labour Practice

Das Siegel lässt sich nicht nur für Flaschenwein beantragen, sondern auch für Fasswein. Damit können auch lose gehandelte, oft preiswertere Partien denselben Audit- und Rückverfolgbarkeitsprozess durchlaufen wie zertifizierte Flaschenware – ein Segment, dem diese Prüftiefe oft verwehrt bleibt. Die Lieferkette schließt dabei auch Händler mit ein, zusätzlich zu Traubenlieferanten, Weinerzeugern, Kellereien und Abfüllbetrieben. Die Audits selbst führen neutrale ISO-konforme Certification and Audit Organisationen durch. Deren Prüfer sind bei der Association for Professional Social Compliance Auditors (APSCA) registriert. Damit lässt sich gerade auch im großvolumigen Fasswein-Geschäft ethisch und sozial verantwortlich zertifizieren – einem Segment, das für den südafrikanischen Weinexport eine zentrale Rolle spielt.

Ein lebendiger Standard

Der WIETA Standard selbst wird regelmäßig überarbeitet: Die aktuelle Fassung, Version 4.1, stammt aus dem Jahr 2021. Über die Weiterentwicklung entscheidet ein mehrstufiger Review-Prozess – das WIETA Technical Audit Committee prüft eingereichte Vorschläge, es folgt eine öffentliche Konsultationsphase, abschließend entscheidet der WIETA Board über die Änderungen. Spätestens alle drei Jahre steht eine vollständige Überprüfung an.

Inhaltlich orientiert sich WIETA an den zehn ISEAL Credibility Principles – einem international anerkannten Kriterienkatalog für glaubwürdige Nachhaltigkeitsstandards, der u. a. für Unparteilichkeit, Transparenz und Wirksamkeit steht. Ziel dieser Abgleiche ist es ausdrücklich, den WIETA-Standard an internationale Marktanforderungen und Anerkennungskriterien anzugleichen: WIETA benchmarkt regelmäßig gegen Systeme wie Amfori BSCI und Sedex SMETA sowie über internationale Äquivalenzplattformen wie die Sustainable Supply Chain Initiative des Consumer Goods Forum, die Sustainable Wine Round Table Initiative und die ITC Standards Map.

So läuft die Prüfung

Die externen, unabhängigen Prüfer stützen sich nicht nur auf Dokumente, sondern sprechen persönlich mit Arbeitern und Management und schauen sich die Betriebe vor Ort an. Geprüft werden Managementsysteme, Menschen- und Arbeitsrechte, Arbeitsbedingungen, Gesundheit und Sicherheit – aber auch die Unterkünfte der Arbeiter und das Wohlergehen der zugehörigen Gemeinden.

Eine wichtige Rolle für eine tragfähige Verbesserung der sozialen Rahmenbedingungen spielen vor allem die Schulungen für Mitgliedsbetriebe und deren Beschäftigte. Auf der Agenda stehen Arbeitsschutz, Notfallverhalten, die eigenen Rechte (und Pflichten) sowie faire Löhne – bis hin zur Möglichkeit, Missstände ohne Furcht vor Vergeltung zu melden. Allein in der Region Paarl wurden laut WIETA-Dashboard (Stand: Abruf September 2026) über 360 solcher Trainings durchgeführt.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist ein Beschwerdemechanismus: Vineyard Voice, auch bekannt als WIETA Labour Desk. Ein solches Verfahren gehört zu den Bausteinen, die deutsche Importeure für die Erfüllung ihrer Sorgfaltspflichten nach dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz heranziehen können.

Reichweite

WIETA zählte im September 2026 rund 1.362 aktive Mitgliedsbetriebe – eine Zahl, die laufend aktualisiert wird. Diese Mitgliedschaft ist Voraussetzung für das Fair Labour Practice Seal, aber nicht gleichbedeutend damit: Nur ein Teil der Mitgliedsbetriebe hat den zusätzlichen, produktbezogenen Zertifizierungsprozess für einen konkreten Wein durchlaufen.

Mehr zu WIETA und zu sozialen Themen in den südafrikanischen Weinregionen finden Sie in unserer Rubrik Social Stories.