Fast wäre sie aus den Weinbergen Südafrikas verschwunden. Sémillon Gris, eine natürlich am Kap entstandene rosafarbene Mutation des Sémillon, überlebte über Jahrzehnte nur noch vereinzelt in einigen alten Weinbergen. Dabei war sie einst Teil einer Rebsortenfamilie, die den Weinbau am Kap wie kaum eine andere geprägt hat. Dass Sémillon Gris heute eine Zukunft hat, ist auch Andrea und Chris Mullineux zu verdanken. Mehr als ein Jahrzehnt arbeiteten sie gemeinsam mit Rosa Kruger und verschiedenen südafrikanischen Branchenorganisationen daran, ausgewählte alte Reben zu erhalten, gesundes Pflanzenmaterial aufzubauen und die Sorte offiziell zertifizieren zu lassen.

Nun ist ein entscheidender Schritt geschafft: Sémillon Gris wurde als eigenständige Rebsorte in die internationale Rebsortenliste der International Organisation of Vine and Wine (OIV) aufgenommen. Auf dem Roundstone Estate von Mullineux im Swartland steht heute der erste offiziell zertifizierte Vermehrungsblock Südafrikas. Er schafft die Grundlage dafür, dass Sémillon Gris künftig wieder gepflanzt, erforscht und unter seinem eigenen Namen als Wein vermarktet werden kann.

Doch die Geschichte dieser ungewöhnlichen Rebsorte beginnt nicht im Swartland des 21. Jahrhunderts. Sie führt zurück zu den Anfängen des südafrikanischen Weinbaus.

Als Sémillon die Weinberge am Kap prägte

Lange bevor Chenin Blanc zum Aushängeschild des südafrikanischen Weinbaus wurde, gehörte die Bühne einer anderen Rebe: Sémillon, am Kap als Groendruif – „Green Grape“ – bekannt. Seine Geschichte in Südafrika reicht vermutlich bis ins 17. Jahrhundert zurück. Im 19. Jahrhundert breitete sich die Sorte mit dem Wachstum der Weinwirtschaft stark aus. Schätzungen aus den 1820er-Jahren zufolge machte sie zeitweise weit über 90 Prozent der Rebpflanzungen am Kap aus.

In diesen Weinbergen entstand im Laufe der Zeit auf natürliche Weise eine rosafarbene Mutation: Rooi Groendruif, Red Sémillon oder, wie wir sie heute kennen, Sémillon Gris. Und sie war keineswegs nur eine seltene Laune der Natur. Zeitweise erreichte die rosafarbene Variante mengenmäßig mindestens eine ähnliche Bedeutung wie der weißbeerige Sémillon. Eine Trennung gab es dennoch nicht. Weißer und rosafarbener Sémillon standen gemeinsam im Weinberg, wurden zusammen gelesen und gemeinsam vinifiziert. Was wir heute als Sémillon Gris kennen, wurde nicht als eigenständige Rebsorte betrachtet. Selbst die Groendruif wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts als Sémillon identifiziert.

Nach der Reblaus beinahe verschwunden

Dann kam die Reblaus – und mit ihr ein grundlegender Umbruch im südafrikanischen Weinbau. Beim Wiederaufbau der Weinberge wurde die rosafarbene Variante zunehmend nicht mehr berücksichtigt. Nach und nach verschwand Sémillon Gris aus den Neuanlagen. Schließlich blieben nur noch einzelne Rebstöcke oder kleinere Gruppen in einigen alten Weinbergen zurück. Die Sorte war leise geworden, aber sie war nie ganz fort.

Mit der Neuausrichtung des südafrikanischen Weinbaus nach 1994 änderte sich auch der Blick auf solche alten Bestände. Historische Weinberge wurden neu bewertet, alte Reben rückten wieder stärker in den Fokus – nicht nur als kulturelles Erbe, sondern auch als Teil einer über Generationen gewachsenen Weinbaugeschichte des Kaps. Für Sémillon Gris sollte genau dieses neue Interesse entscheidend werden.

Ein alter Weinberg im Swartland wird zum Ausgangspunkt

Roundstone Palm Block – zertifizierter Sémillon-Gris-Mutterblock im Swartland

Die Spur führt zu einem 1960 gepflanzten, trocken bewirtschafteten Weinberg im Swartland. Hier wachsen Sémillon Blanc und größere Bestände von Sémillon Gris bis heute nebeneinander – so, wie es früher in vielen Weinbergen am Kap üblich war. Andrea und Chris Mullineux erkannten das Potenzial dieses alten Bestands. Gemeinsam mit Rosa Kruger, deren Arbeit später zur Gründung des Old Vine Project führte, begannen sie, einzelne Sémillon-Gris-Reben zu identifizieren und gezielt zu selektieren.

2012 wurden von ausgewählten Reben Stecklinge genommen. Und damit begann eine lange Reise. Das Pflanzenmaterial wurde zunächst mittels In-vitro-Thermotherapie behandelt, um Krankheitserreger zu eliminieren. Anschließend folgten über Jahre Vermehrung, Evaluierung und Zertifizierung – gemeinsam mit Vititec, SAWIS und dem südafrikanischen Landwirtschaftsministerium. Aus einigen wenigen ausgewählten alten Reben entstand so Schritt für Schritt die Grundlage dafür, eine beinahe verschwundene Rebsorte wieder systematisch vermehren zu können.

Chronologie: Sémillon Gris in Südafrika

  • 17.–19. Jahrhundert: Groendruif (Sémillon) prägt die Weinberge am Kap. In diesen Beständen entsteht auf natürliche Weise die rosafarbene Mutation Rooi Groendruif / Sémillon Gris.
  • Um 1900 / nach der Reblaus: Bei den Neubepflanzungen wird die rosafarbene Variante zunehmend nicht mehr berücksichtigt.
  • 2012: Andrea und Chris Mullineux selektieren gemeinsam mit Rosa Kruger Sémillon-Gris-Reben aus einem 1960 gepflanzten Swartland-Weinberg.
  • Ab 2012: In-vitro-Thermotherapie, Vermehrung, Evaluierung und Zertifizierungsarbeit.
  • 2022: Anlage des Mutterblocks auf dem Roundstone Estate.
  • 2026: Sémillon Gris wird als eigenständige Rebsorte in die internationale Rebsortenliste der OIV aufgenommen.

Roundstone: Aus Bewahrung wird Zukunft

2022 erreichte das Projekt einen entscheidenden Punkt. Auf dem Roundstone Estate von Mullineux im Swartland wurde ein eigener Mutterblock für Sémillon Gris angelegt. Heute umfasst er knapp einen Hektar. Er ist der erste offiziell zertifizierte Vermehrungsblock für Sémillon Gris in Südafrika und bildet zugleich die Grundlage für den weltweit ersten offiziell zertifizierten Sémillon-Gris-Weinberg. Über Vititec steht nun erstmals gesundes, zertifiziertes Sémillon-Gris-Pflanzenmaterial auch anderen südafrikanischen Erzeugern und der Forschung zur Verfügung. Aus der Rettung einzelner alter Reben entsteht damit die Möglichkeit für neue Weinberge und weitere Forschung.

Sémillon Gris unterscheidet sich durch seine dunkelrosa Beeren von Sémillon Blanc. Die Sorte zeichnet sich durch natürlich ausgewogene Erträge, Konzentration und eine gesunde Säure aus und entwickelte sich über Jahrhunderte unter den trockenen und sonnigen Bedingungen des Kaps.

Andrea Mullineux kannte Sémillon Gris längst als Wein.

Andrea Mullineux bei der Lese von Sémillon Gris auf Roundstone Estate im SwartlandGanz neu ist Sémillon Gris für Andrea Mullineux allerdings nicht. Mehr als zehn Jahre lang erzeugte sie für die jährliche Auktion der Cape Winemakers Guild einen Wein namens „The Gris“ Sémillon. Dafür wurden die rosafarbenen Trauben gezielt aus einem alten Swartland-Weinberg selektiert, in dem Sémillon Blanc und Sémillon Gris gemeinsam wachsen.

Nur eines konnte der Wein bislang nicht: eindeutig den Namen der Rebsorte tragen, aus der er erzeugt wurde. Sémillon Gris war offiziell noch nicht als eigenständige Sorte anerkannt. Mit der Zertifizierung des Pflanzenmaterials und der Aufnahme in die internationale Rebsortenliste der OIV schließt sich nun ein Kreis. Künftige Weine aus dem neuen Roundstone-Weinberg können erstmals eindeutig als Sémillon Grisbezeichnet werden.

Aus der historischen Rooi Groendruif, die einst unerkannt zwischen weißen Sémillon-Reben stand, wird damit wieder eine Rebsorte mit eigenem Namen – und eigener Zukunft.

Ein Stück Cape Wine Heritage bleibt lebendig

Für Andrea Mullineux geht es deshalb um weit mehr als eine zusätzliche Rebsorte im südafrikanischen Sortenspiegel:

„Sémillon Gris is part of the Cape’s viticultural DNA. By officially recognising and certifying it, we are ensuring that future generations can continue to grow, study and understand a grape that has quietly been part of our story for centuries.“

– Andrea Mullineux, Winemaker & Co-Owner, Mullineux & Leeu Family Wines

Die Geschichte des Sémillon Gris zeigt, was die Beschäftigung mit alten Reben leisten kann. Es geht nicht nur darum, Vergangenheit zu dokumentieren oder historische Weinberge zu bewahren. Im besten Fall entsteht daraus etwas, das wieder Teil des heutigen Weinbaus werden kann. Genau das geschieht im Swartland: Aus wenigen überlebenden Reben wurde gesundes Pflanzenmaterial gewonnen. Aus diesem Material entstand ein zertifizierter Mutterblock. Und daraus können künftig neue Sémillon-Gris-Weinberge entstehen. So wird aus einem beinahe verlorenen Stück südafrikanischer Weingeschichte wieder eine lebendige Rebsorte – für die Winzer von heute, die Forschung von morgen und vielleicht auch für eine neue Generation südafrikanischer Weine.

Quellenhinweis
Mullineux & Leeu Family Wines, Presseinformation „Mullineux Establishes World’s First Officially Certified Sémillon Gris Vineyard“, August 2026.